Pierre Levy, ein französischsprachiger Philosoph und Anthropologe veröffentlichte 1994 (dt. 1997) in seinem Buch „Die kollektive Intelligenz. Für eine Anthropologie des Cyberspace“ eine Utopie zur Bedeutung des Internets für die gesellschaftliche und soziale Evolution des Menschen.
Die grundsätzliche Frage, die Levy stellt, ist, kann Technologie die Gesellschaftsstrukturen (zum Positiven) ändern und neue Möglichkeiten zur Identitätsfindung bzw. Identitätsschaffung bieten (Hinweis: Kenneth Gergen hat sich des Themas Identität in seinem Buch „Das übersättigte Selbst“ genauer angenommen)
Die Theorie:
Levy definiert drei bestehende (anthropologische) Räume, in denen sich der Mensch bewegt (hat). Ein anthropologischer Raum ist „ein System der Nähe (Raum), das der Welt der Menschen (anthropologisch) eigen ist und in Abhängigkeit von menschgeschaffenen Techniken und Bedeutungen, von Sprache, Kultur, Konventionen, Vorstellungen und Emotionen besteht.“ (Levy 1997, S.21). Es sind also zeitlich aufeinander folgende und im Weiteren ko-existente anthropogene Bedeutungsräume, welche die soziale und kulturelle Organisation des Menschen wiederspiegeln. Wir als Menschen bewegen uns in all diesen Räume.
1) Die Erde
Dieser erste Raum ist das Reich der Nomaden, die ohne territoriale Einschränkung das Land für sich nutzen. Die Menschen stehen mit allen Dingen in Beziehung und erzeugen ihre Identität in Relation zu Angehörigen ihrer Sippe und dem Kosmos. Das Wissen dieser Zeit besteht in Mythen über die Welt und den Menschen.
2) Das Territorium
Mit Beginn des Ackerbaus und der Viehzucht im Neolithikum erschließt sich dem Menschen einen zweiter Raum. Der weite Raum der Erde wird eingeschränkt in Territorien, also dem Besitzanspruch einer Gruppe auf ein Stück Land (hierbei sei auf das Unverständnis der nomadisch lebenden amerikanischen Ureinwohnern genau diesem Raum gegenüber hingewiesen: Sie konnten nicht verstehen, wie man Land „besitzen“ kann). Die Erzeugung der Identität erfolgt nun über die Bindung an das Territorium („Nationalstolz“).
Die Tradierung des Wissens geht von der Oralität zur Literalität über und die Menschheit wechselt von der Vor-Geschichte in die (geschriebene) Geschichte. Levy hat in seinem Aufsatz Cyberkultur (1996) die Konsequenzen dieses Wechsel im Bezug auf Universalität und Totalität der Schriftlichkeit sehr schön expliziert.
3) Raum der Waren
Ab dem 16 Jahrhundert trat die Menschheit in den Raum der Waren über (die beiden vorhergehenden Räume existieren natürlich weiter, nur die Gewichtungen haben sich verschoben). Das Organisationsprinzip dieses Raums ist der Fluss und zwar der Fluss der Waren, Dienstleistungen, ArbeitnehmerInnen und als beherrschender Faktor, das Kapital). Technisches Wissen und Naturwissenschaften dominieren und Identität wird über die Erwerbsarbeit definiert. Hierin liegt (nicht nur) nach Levy, ein wesentliches gesellschaftliches Problem. Durch die Selbstdefinition über die eigene Erwerbstätigkeit, wird beim Fehlen einer solchen (Arbeitslosigkeit, nicht bezahlte Arbeit, ..) die Selbstdefinition für das Individuum sehr problematisch. Ohne Erwerbsarbeit läuft die Person Gefahr „wertlos“ zu werden.
4) Raum des Wissens
Die Lösung der Ungerechtigkeiten der bestehenden Räume und somit der Gesellschaftssysteme, liegt nach Levy im noch nicht etablierten Raum des Wissens. Hierbei geht es nicht um Wissen in der Form, wie es jetzt existiert. Das Neue an diesem Wissensraum ist die Geschwindigkeit seiner Entwicklung, die Zahl der Menschen die Informationen produzieren und konsumieren und die Werkzeuge, mit denen das Wissen geteilt/verteilt wird. Das lebendige Wissen, das Know-how und die Kompetenzen des Individuums bilden die Grundlage für alles andere.
Die Geschwindigkeit der Anhäufung von Wissen ist, gerade im 20 Jahrhundert, exponentiell gestiegen und es gab noch nie so viele Menschen auf dem Planeten als jetzt. Der Zugang zu Informationen ist trotz der Digitalen Spaltung für einen, im historischen Vergleich, relativ hohen Prozentsatz vorhanden.
Der Cyberspace, also ein neuer, ortsloser Raum, soll es nun den Einzelnen ermöglichen, ihr Wissen zu teilen und im Gegenzug auf das Wissen aller anderen Menschen Zugriff zu haben. Die Technologie des Internets, so die Theorie, schafft einen egalitären, brüderlichen Raum der Begegnung zwischen Menschen, unabhängig von Nation (Territorium) oder „Kaufkraft“ (Kapital). Jeder Mensch besitzt ein individuelles, für andere relevantes Wissen. Und so wird die Identität im vierten Raum definiert: es das individuelle Wissen, dass mit anderen geteilt werden kann. Der Andere wird vom potentiell bedrohlichen Fremden zu einem Wissenden. Durch Teilen dieses Wissens entsteht, anderes als bei Waren, etc. kein Mangel, es wird nicht weniger, sondern vermehrt sich gerade dadurch.
Die kollektive Intelligenz entsteht also im, durch Technologie ermöglichten, Cyberspace. Sie ist eine „… Intelligenz, die überall verteilt ist, sich ununterbrochen ihren Wert erschafft, in Echtzeit koordiniert wird und Kompetenzen effektiv mobilisieren kann. … Grundlage und Ziel der kollektiven Intelligenz ist gegenseitige Anerkennung und Bereicherung und nicht ein Kult um fetischisierte, sich verselbstständigende Gemeinschaften.“ (Levy 1997, S. 29)
Es geht um nichts Geringeres als die Erneuerung der Sozialen Bindungen über die Beziehung zum Wissen des Individuums in einem globalen Projekt.
Fazit:
Die von Levy eloquent und konsequent ausgearbeitete Utopie (er nennt sie selber so; es darf auch nicht außer Acht gelassen werden, dass der Text 1994 verfasst wurde!) ist eine solche im Doppelsinn des Wortes. Einmal ist es eine in die Zukunft verlagerte Vision einer positiveren Zukunft für alle (sic!) Menschen, die stark an andere Utopien, etwa die zur Zeit der Landnahme Amerikas erinnern. Eine neues Land, in dem alle historisch gewachsenen Ungerechtigkeiten abgeschüttelt und eine neue, von hohen moralischen Ansprüchen getragenen, Gesellschaftsordnung entstehen wird (der Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern und der Sklavenhandel straften diese historischen Visionen mehr als Lügen)
Zum anderen ist ja die etymologischen Bedeutung des Wortes Utopie Nicht-Ort (ou- „nicht“ und tópos „Ort“) und dies trifft auf den Cyberspace in vielerlei Hinsicht zu (nicht territorial, nicht zentral, immer in Fluktuation begriffen, ..)
Trotz aller Kritik, die man einem solchen Ansatz entgegenbringen kann und muss, der Sinn einer Utopie ist es, das Vorstellbare zu skizzieren und ihm damit einen Möglichkeitsraum zu schaffen (Vgl. hierzu auch das Konzept der Zukunftswerkstätten in denen das Formulieren einer Utopie als Teil des Prozesses gesehen wird)
Zumindest in Ansätzen scheint die Vision Levys das Potential der Umsetzung in sich zu tragen. Abseits aller kommerziellen Begehrlichkeiten, welche das Web 2.0 weckt, könnte man die Wikipedia als (unvollständigen) Modellfall von kollektiver Intelligenz im beschriebenen Sinne ansehen.
Die Wikipedia als gemeinschaftliches Projekt impliziert die Form des Teilens von Wissen und der Anerkennung des Beitrags aller Personen im Wesen einer Wissensallmende. Es liegt an uns, inwieweit wir uns einbringen, um aus dem Vorstellbaren das Machbare zu manifestieren.
Literatur:
Levy, Pierre (1997) Die kollektive Intelligenz. Für eine Anthropologie des Cyberspace. Bollmann. Mannheim.
Levy, Pierre (1996) Cyberkultur. Telepolis. URL : <http://www.heise.de/tp/r4/artikel/2/2044/1.html> (Stand: 17.06.08 )
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Danke, Claudio!